„Wir haben bereits eine Menge erreicht“: LWF-Dekan Christoph Strünck im Interview

2019 wurde die Digitale Modellregion Gesundheit Dreiländereck (DMGD) von der Lebenswissenschaftlichen Fakultät (LWF) der Universität Siegen mitinitiiert. 2020 wurde die DMGD schließlich offiziell zum Forschungsschwerpunkt innerhalb der Fakultät. Im Interview spricht Gründungsdekan Prof. Dr. Christoph Strünck über bereits erreichte Meilensteine und Perspektiven für die Zukunft von DMGD und LWF.

In den vergangenen Monaten sind aus der Zusammenarbeit von DMGD und LWF zahlreiche Forschungskonzepte und -vorhaben hervorgegangen, darunter etwa das Projekt „DataHealth Interregio – Digitale Unterstützung der Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum“, in dessen Rahmen Versorgungsstrukturen und Prozesse im Bereich Digitale Gesundheit weiterentwickelt werden sollen. Zuletzt hatte das beim Innovationsausschuss des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) eingereichte Projekt die Aufforderung zum Vollantrag erhalten, der im Juli 2021 schließlich eingereicht wurde. Gemeinsame Formate wie die Sommerkonferenz #DataHealthRevisited haben außerdem einen Rahmen geboten, um über die Gesundheitsversorgung der Zukunft und die damit verbundenen Implikationen zu diskutieren.

Zusammen mit Prof. Dr. Christoph Strünck blicken wir in unserem Interview auf die Entwicklungen der letzten Jahre zurück und sprechen über Projekte und Ziele von LWF und DMGD, über die Rolle der Lebenswissenschaftlichen Fakultät für Universität und Region und über Aufgaben, die gemeinsam angegangen werden sollen. Seit 2019 ist Prof. Dr. Christoph Strünck Gründungsdekan der Lebenswissenschaftlichen Fakultät an der Universität Siegen. Er ist außerdem Direktor des Instituts für Gerontologie (Dortmund).

 

Herr Professor Strünck, im Jahr 2017 wurde die Lebenswissenschaftliche Fakultät der Universität Siegen gegründet. Wie kam es zu der Gründung und mit welchen Zielen war sie verbunden?

Strünck: Im Unterschied zu Bielefeld, wo eine klassische Medizinische Fakultät gegründet wurde, sollte in Siegen ein alternatives Modell von medizinischer Ausbildung und Forschung entstehen: Medizin neu denken. Auch das Profil war besonders: digital unterstützte Gesundheitsversorgung in ländlichen Regionen. Dazu sollte die Universitätsmedizin gemeinsam mit den Siegener Kliniken einen Campus in Siegen aufbauen. Eine neue Fakultät an der Universität Siegen sollte dafür Kompetenzen in Medizinischer Informatik, in der Biomedizin und in Public Health interdisziplinär integrieren. Das war die Geburtsstunde der Lebenswissenschaftlichen Fakultät.

Welche Aufgaben hat die Lebenswissenschaftliche Fakultät und weshalb sind die hier behandelten Themen wichtig?

Strünck: In einer Gesellschaft des langen Lebens kommt es darauf an, Gesundheit wirksam zu fördern, Pflegebedürftigkeit zu verzögern und die Lebensqualität möglichst aller Menschen zu verbessern. Allerdings steht unser Gesundheitssystem unter Druck: Die Kosten steigen, Prävention und Langzeitversorgung sind nicht gut und in ländlichen Regionen klaffen immer größere Versorgungslücken. Um diesen Herausforderungen zu begegnen, brauchen wir neue medizinnahe Berufe, eine bessere Zusammenarbeit und Kommunikation unter Gesundheitsberufen und interdisziplinäre Forschung für neue Versorgungsmodelle. Dafür steht unsere Fakultät.

Was konnte in den vergangenen Jahren mit der Lebenswissenschaftlichen Fakultät erreicht werden und welchen Mehrwert hat diese der Universität Siegen und der Region gebracht?

Strünck: Wir haben mit vereinten Kräften einen ganz neuen Studiengang konzipiert, der in dieser Form in Deutschland einzigartig ist: Digitale Gesundheitswissenschaften / Digital Biomedical and Health Sciences. Wir haben jetzt schon die dritte Kohorte bei uns, insgesamt über 200 Studierende. Im nächsten Jahr starten wir drei neue Master-Studiengänge. Die Covid-19-Pandemie hat uns vor Augen geführt, wie dringend wir unser Gesundheitssystem modernisieren müssen. Dafür müssen wir in Ausbildung und Forschung neue Wege gehen.

Mit den neuen Studiengängen und mit neuen Professuren haben wir die Grundlagen geschaffen, dazu einen eigenen Beitrag zu leisten. Wir steigern damit die Attraktivität der Universität und der Region. Zugleich knüpfen wir bewusst an die Stärken der Universität Siegen an: in der Sensortechnologie, in der biomedizinischen Forschung, im Ubiquitous Computing, in der Sozio-Informatik, in der Teilhabe- und Partizipationsforschung, in der Ungleichheitsforschung, in der angewandten Linguistik und in den Medienwissenschaften.

Lassen Sie uns in die Zukunft blicken. Können Sie uns verraten, wie die nächsten Schritte innerhalb der Lebenswissenschaftlichen Fakultät aussehen und mit welchen Entwicklungen zu rechnen ist?

Strünck: Der nächste wichtige Schritt ist die Einführung der Master-Studiengänge, darunter der erste Digital-Public-Health-Studiengang in Deutschland. Wir werden uns in der Lebenswissenschaftlichen Fakultät außerdem weiter verstärken, mit weiteren Professuren, mit Zweitmitgliedschaften aus anderen Fakultäten, aber auch mit Gastprofessuren. Geplant ist außerdem, das Institut für Psychologie in die Fakultät zu integrieren. Damit werden wir eine mittelgroße, forschungsstarke Vernetzungs-Fakultät. Wir gründen außerdem gemeinsam mit der Universitätsmedizin Bonn und den Siegener Kliniken das neue interdisziplinäre Zentrum INDIRA für Digitale Medizin und Versorgungsforschung im ländlichen Raum.

Seit 2021 ist die Digitale Modellregion Gesundheit Dreiländereck ein Forschungsschwerpunkt der LWF und adressiert Fragen zur Digitalen Gesundheitsversorgung. Weshalb sind die in der DMGD behandelten Themen relevant und wer kann von den Ergebnissen der Forschung profitieren?

Strünck: Die DMGD ist ein Herzstück der Fakultät, weil sie das Datenmodell und die Netzwerke liefert, mit dem wir unserer Mission nachgehen: Lehre und Forschung für moderne Gesundheitsversorgung in der Fläche. Wenn das Land Nordrhein-Westfalen Konzepte wie das „virtuelle Krankenhaus“ aufbaut, dann brauchen wir dazu passende Gegenstücke im ambulanten Bereich, in der hausärztlichen Versorgung oder in der Pflege. Und genau dafür stehen die Projekte in der DMGD, die dadurch zu einer echten Modellregion wird.

Wie beurteilen Sie die Einbindung der DMGD in die LWF und welche Perspektiven hat die LWF durch den Forschungsschwerpunkt DMGD gewonnen?

Strünck: Die verschiedenen Antreiber und Anhänger der DMGD arbeiten in unserer Universität schon lange gut zusammen. Jetzt sind die Rahmenbedingungen noch besser, weil wir unsere Kräfte in einer jungen Fakultät bündeln und zu einer einheitlichen Strategie zusammenführen. Die neuen Professuren finden mit der DMGD eine Plattform vor, auf der sie den Zugang zu Versorgern und Patient:innen finden, Verbünde bilden und das zugrundeliegende Datenmodell nutzen können.

Welche gemeinsamen Projekte und Meilensteine von DMGD und LWF sind Ihnen besonders gut in Erinnerung geblieben – und worauf freuen Sie sich in näherer Zukunft?

Strünck: Ich finde, wir haben bereits eine Menge erreicht, und dazu haben sehr viele Personen mit großem Engagement beigetragen. Wir haben es geschafft, dass drei Bundesländer gemeinsam die DMGD fördern. Wir sind vom Innovationsausschuss des Gemeinsamen Bundesausschusses aufgefordert worden, unseren Vollantrag DataHealth Interregio einzureichen. Die mehrjährigen Vorarbeiten dazu haben uns viele Erfahrungen, eigene Expertise und wichtige neue Netzwerke eingebracht. Wir waren eine Art wissenschaftliches „Start up“ für Digital Healthcare und wollen jetzt expandieren.

Wie stellen Sie als Gründungsdekan sich insgesamt die Zukunft des Forschungsschwerpunktes DMGD innerhalb der LWF vor? Und welche (Forschungs-)Themen und gemeinsamen Projekte könnten langfristig angegangen werden? 

Strünck: Wir haben mit der DMGD viel vor: Wir erproben und verbessern unser Datenmodell für die intersektorale Versorgung. Wir nutzen die Expertise unserer neuen Professuren, indem wir gemeinsame Projekte entwickeln. Und wir knüpfen weitere Kontakte zu neuen Partnern in der Versorgung, in der Industrie, in Verbänden. Die DMGD wird unsere Visitenkarte in der Versorgungsforschung und sie ist das Datenrückgrat.

Es geht in Zukunft bei uns verstärkt darum, mobile Prävention und Diagnostik in Zusammenarbeit verschiedener Disziplinen zu entwickeln und dafür die institutionellen, sozialen und kommunikativen Grundlagen zu analysieren, die für eine wirksame Umsetzung solcher Konzepte in ländlichen Regionen wichtig sind. Wir brauchen aber auch neue Forschungswelten: zum Beispiel digitale Modellpraxen und Labs, in denen Lehre, Weiterbildung und Forschung gebündelt werden. Die damit verbundene interdisziplinäre Forschung dient einem klaren Ziel: Gesundheit zu fördern und zu erhalten, gesundheitliche Ungleichheiten zu verringern sowie die Lebensqualität zu erhöhen – und das möglichst effizient. Dafür müssen wir uns konsequent an den Bedürfnissen von Menschen orientieren, nicht von Institutionen oder Professionen.

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