In der DMGD-Video- und Podcastreihe „Gesundheitspolitische Gespräche“ diskutieren Expert*innen über Chancen, Herausforderungen und Trends im Bereich Digitale Gesundheit. In Folge 37 spricht Dr. Olaf Gaus mit Dr. med. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), über die Finanzierungslage der ambulanten Gesundheitsversorgung, die gesetzlichen Krankenkassen und Maßnahmen für eine nachhaltige, stabile Versorgung. Dr. med. Andreas Gassen verantwortet als Vorstandsvorsitzender der KBV den fachärztlichen Bereich und ist tätig als niedergelassener Facharzt für Orthopädie, Unfallchirurgie und Rheumatologie in Düsseldorf.
Die ambulante Versorgung deckt laut Dr. Gassen 97 Prozent der Gesundheitsversorgung in Deutschland ab. Dabei bildet sie lediglich 16 Prozent der jährlichen Ausgaben für Gesundheitsleistungen ab und ist vergleichsweise schlecht finanziert. Gemeinsam mit Dr. Olaf Gaus diskutiert der Vorstandsvorsitzende der KBV Maßnahmen zur nachhaltigen Stärkung der ambulanten Versorgung sowie Einsparpotentiale.
„Was die Menschen brauchen, ist eine gewisse Verlässlichkeit, eine belastbare Versorgungssituation“, so Dr. Gassen. Die hausärztliche Praxis ist als Einzelpraxis ein Modell, das weiterhin Zukunft hat. Um neue Niederlassungen insbesondere in ländlichen Gebieten zu fördern, spricht sich der Experte gegen regulatorische Zwänge aus und plädiert für Maßnahmen, die zur Steigerung der Standortattraktivität in den betreffenden Regionen führen. Weiter decken gesetzliche Krankenversicherungen versicherungsfremde Leistungen ab, die laut Dr. Gassen in den Sozialhaushalt gehören. „Der Leistungsumfang ist international unerreicht. Das ist nicht auf Dauer gewährleistet“, erklärt Dr. Gassen. Hier könnten Verantwortlichkeiten geklärt und die Beitragszahler entlastet werden. „Ich bin vehement dafür, dass man mal eine ehrliche Diskussion über die Sozialsysteme und ihre Finanzierbarkeit führt“, so der Vorstandsvorsitzende.
Potentiale sieht Dr. Gassen in der Digitalisierung des Gesundheitswesens. Im europäischen Vergleich hängt Deutschland aktuell stark hinterher: Die elektronische Patientenakte (ePA) ist krankenkassenindividuell, wodurch die Akzeptanz in der Bevölkerung gering bleibt. Weniger als vier Prozent der Versicherten nutzen die ePA und auch die Praxisverwaltungssysteme sind nicht optimal auf die ePA eingestellt. Ebenso weisen das eRezept und die Gematik-Server Schwächen auf. Dr. Gassen spricht sich aus für einen Neustart der Digitalisierungsmaßnahmen: Eine bundeseigene, sichere und moderne interoperable Infrastruktur, die den Datenaustausch zwischen allen beteiligten Akteuren wie Praxen, Krankenhäuser, Pflege und Apotheken sicherstellt. Darüber hinaus diskutieren Dr. Olaf Gaus und Dr. med. Andreas Gassen über die Reform der Notfallversorgung sowie die Krankenhausreform und über die Ausweitung von Delegation nicht-ärztlicher Kompetenzen auf andere Professionen und den Fachkräftemangel.
Die gesundheitliche Versorgung in Deutschland steht vor großen Herausforderungen und verändert sich derzeit fundamental. Die Digitalisierung spielt dabei eine entscheidende Rolle. Hier setzen die von der Digitalen Modellregion Gesundheit Dreiländereck (DMGD) entwickelten Gesundheitspolitischen Gespräche an. In den Interviews wird über den Transformationsprozess von traditionellen hin zu digital unterstützten Versorgungsformen diskutiert und es wird erörtert, wie ein digitalisiertes Gesundheitswesen perspektivisch aussehen könnte, damit alle davon profitieren. Eine wichtige Rolle spielen dabei die Wünsche und Einschätzungen von Versorgungsprofis aus Medizin, Pflege und Technik sowie von Wissenschaftler*innen und Bürger*innen.
Eine neue Ausgabe der Gesundheitspolitischen Gespräche erscheint jeweils zum Monatsanfang hier auf der DMGD-Website sowie auf dem YouTube-Kanal der DMGD. Ab Folge 6 sind die Gesundheitspolitischen Gespräche auch als Podcast auf Apple Podcasts und Spotify verfügbar.











